Jura und der Leistungsdruck
Fünf Jahre studierte Sakin Jura. Sie schrieb das Staatsexamen und fiel wegen eines fehlenden Punktes durch. Wiederholen wollte sie das Examen nicht. Für sie war es Zeit, nach Jahren des Drucks und Leidens dem Jurastudium den Rücken zu kehren.
Sakin machte Abitur und der weitere Weg schien bereits klar. Ihre Eltern hatten beide studiert und sie sollte es ihnen gleichtun. So begann sie direkt nach der Schule ein Jurastudium. Sakin hatte sich bereits als Schülerin mit Menschenrechten und Umweltaktivismus beschäftigt – Herzensthemen. Sie hoffte, als Juristin gehört und gesellschaftlich akzeptiert zu werden: „Als schwarze Frau in Deutschland hatte ich das Gefühl, ich muss immer ein bisschen mehr beweisen, dass ich dazugehöre und ein wertvoller Teil der Gesellschaft bin“. Seit Anfang ihres Studiums kämpfte sie mit einem hohen Leistungsdruck. Nach einem Auslandssemester zog Sakin nach Halle (Saale) zu einer Freundin, um dort ihr Studium fortzuführen. Sie hatte gehofft, die örtliche Veränderung würde ihr das Studium erleichtern.
Konkurrenzkampf im Jurastudium
Schon am Anfang ihres Studiums wurde Sakin gesagt: Je schlechter die anderen sind, desto besser ist sie selbst. Die anfängliche Herausforderung wurde für sie schnell zu einer großen Belastung. Sie musste in die Notaufnahme, weil ihr Körper wegen des Stresslevels nicht mehr richtig funktionierte. Außerdem hatte sie Magenschmerzen, nahm ab, konnte nicht mehr schlafen und ihr fielen Haare aus. „Ich habe eigentlich alle Klausuren geschrieben ohne Schlaf oder nur so 1, 2 Stunden Schlaf“, erzählt sie. Sie bekam Zweifel am Studium. Aber Abbrechen? Sie hatte doch schon so viel investiert. Sie kämpfte sich durch bis zum Staatsexamen. Ein Punkt fehlte ihr. Sie fiel durch. Sie entschied sich, es nicht noch einmal zu versuchen.
Der lange Weg zurück zur Lebensfreude
Anderthalb Jahre brauchte Sakin, um ihr Studium und den Abbruch zu verarbeiten. Sie verfiel in Depressionen. Im Mai 2021 entschloss sie sich, für zehn Monate in eine Klinik zu gehen. Medikamente halfen ihr, ihren Blick auf das Leben nachhaltig zu verändern. Sie begann ein neues Studium, dass ihr Spaß macht: Kulturwissenschaften. Und auch in ihrer Freizeit tut sie das, was ihr Spaß macht: Tanzen, Projektarbeit, Malen und vieles mehr. Auf lange Sicht will sie im Kunst- und Kulturbereich arbeiten. Den Verlauf ihres Jurastudiums hat sie inzwischen akzeptiert. Sie sieht die Ursachen nicht nur bei sich, sondern auch im Studiensystem. Laut Sakin müsste der Stoff komprimierter sein, es müsste mehr Schwerpunkte geben. Das Fazit der heute 26-Jährigen ist, gesellschaftliche Erwartungen abzulegen und die Freude in den Fokus zu stellen: Im Bildungsweg, aber auch im Leben.